Die Chemieanlagen in Freeport im US-Bundesstaat Texas am Golf von Mexiko gelegen, sind von Energielieferungen aus dem Nahen Osten betroffen.

| agt

Globaler Angebotsschock

Weltweit sind Landwirte von den hohen Düngerkosten betroffen. Sie weichen auf Kulturen aus, die weniger Stickstoff benötigen.

Die angespannte Lage im Persischen Golf hat sich zu einem entscheidenden Faktor für die globale Landwirtschaft entwickelt, insbesondere im Hinblick auf die Verfügbarkeit von Düngemitteln. Die Region ist ein zentraler Knotenpunkt für die Produktion und den Export von stickstoffbasierten Düngern wie Urea und Ammoniak, deren Herstellung stark von Erdgas abhängt. Durch die kriegsbedingten Störungen, insbesondere rund um Iran und die Straße von Hormus, kommt es zu erheblichen Einschränkungen bei Transport und Produktion. Da ein großer Teil der weltweiten Düngemittellieferungen diese Route passiert, führen die Unterbrechungen zu einem globalen Angebotsschock, der sich in stark steigenden Preisen niederschlägt. Eine Analyse von Kaak Terminhandel.

Agrarprodukte vom Export abhängig

Diese Entwicklung zwingt Landwirte weltweit zu differenzierten und teils tiefgreifenden Anpassungen, die stark von regionalen Produktionsstrukturen und politischen Rahmenbedingungen abhängen. In Australien etwa reagieren Produzenten besonders sensibel auf steigende Input-Kosten, da sie stark exportorientiert arbeiten und große Flächen bewirtschaften. Viele Landwirte reduzieren gezielt den Einsatz von stickstoffhaltigen Düngern und weichen auf Kulturen wie Gerste aus, die geringere Nährstoffmengen benötigen. Gleichzeitig wird der Anbau von Weizen und Raps teilweise zurückgefahren oder auf Flächen mit besseren natürlichen Bedingungen konzentriert, um die Effizienz des Düngereinsatzes zu maximieren. Gerüchten zufolge könnte die Weizenanbaufläche um 10-12 % zum Vorjahr verringert werden.

In den USA zeigt sich ein ähnliches, aber strukturell etwas anderes Anpassungsmuster. Hier spielen Marktpreise, Fruchtfolgen und staatliche Programme eine größere Rolle. Landwirte reagieren vor allem durch eine Verschiebung von Mais hin zu Sojabohnen, da Mais besonders düngerintensiv ist und die gestiegenen Kosten die Rentabilität stark belasten. Sojabohnen hingegen können Stickstoff teilweise selbst binden und benötigen daher weniger externe Düngung. Zusätzlich versuchen viele US-Farmer, ihre Betriebsmittel effizienter einzusetzen, etwa durch präzisere Ausbringungstechnologien oder den verstärkten Einsatz von Bodenanalysen, um Düngemengen exakt anzupassen. Dennoch bleibt die Unsicherheit hoch, da Preisentwicklungen und politische Faktoren – etwa Handelsbeziehungen – die Entscheidungen zusätzlich beeinflussen.

Indien befürchtet Ertragseinbußen

In Indien steht weniger die Anpassung der Fruchtwahl im Vordergrund, sondern vielmehr die Sicherung der Versorgung. Aufgrund der hohen Abhängigkeit von importiertem Erdgas und Düngemitteln geraten heimische Produzenten unter Druck, wenn Lieferketten gestört sind. Die Regierung reagiert daher aktiv, indem sie große Importtender organisiert und versucht, direkte Lieferverträge mit Produzentenländern abzuschließen. Für Landwirte bedeutet dies vor allem Unsicherheit hinsichtlich der Verfügbarkeit und der Preise von Düngemitteln. In einigen Fällen könnte dies dazu führen, dass weniger Dünger eingesetzt wird oder die Aussaat verzögert erfolgt, was sich wiederum negativ auf die Erträge auswirken kann – insbesondere bei wichtigen Kulturen wie Reis und Weizen.

Ein Gegenbeispiel bietet Taiwan, wo das Landwirtschaftsministerium eine ausreichende Verfügbarkeit von Düngemitteln veröffentlichte. Durch frühzeitige Diversifizierung der Bezugsquellen, strategische Lagerhaltung und Preisregulierung gelingt es, die Auswirkungen der globalen Krise weitgehend abzufedern. Das Ministerium sichert dem Bericht zufolge zu, dass die Düngemittelversorgung bis zum Jahresende gesichert sei und somit die Preise stabilisiert werden können.

Weniger Weizen und Mais

Die Folgen dieser Entwicklungen für die globalen Ernten sind vielschichtig. Zum einen führt der reduzierte Einsatz von Düngemitteln direkt zu niedrigeren Erträgen pro Hektar, insbesondere bei nährstoffintensiven Kulturen wie Weizen und Mais. Zum anderen bewirken die veränderten Anbauentscheidungen eine strukturelle Verschiebung im globalen Agrarsystem: Während weniger düngerintensive Kulturen wie Gerste oder Soja an Bedeutung gewinnen, könnte das Angebot wichtiger Grundnahrungsmittel zurückgehen. Dies ist besonders kritisch, da Weizen und Mais zentrale Bestandteile der weltweiten Ernährung und Tierfutterproduktion sind.

Hinzu kommt, dass die Kombination aus steigenden Produktionskosten und potenziell sinkenden Erträgen für weitere Preisvolatilität sorgen wird, die sowohl Produzenten als auch Verbraucher trifft. Länder mit hoher Importabhängigkeit könnten besonders stark betroffen sein, da sie steigende Preise unmittelbar spüren.

Insgesamt wirkt die Krise im Persischen Golf wie ein Verstärker bestehender Unsicherheiten im globalen Agrarsystem. Kurzfristig führt sie zu steigenden Kosten und Anpassungsreaktionen der Landwirte, mittelfristig drohen geringere Ernten und Verschiebungen in der Produktion, und langfristig könnte sie strukturelle Veränderungen in der globalen Landwirtschaft beschleunigen. Sollte die Situation anhalten, besteht die Gefahr, dass sich die Spannungen auf den Lebensmittelmärkten weiter verschärfen und neue Preisschübe ausgelöst werden. (Autor: Andre Schäfer, Kaak Terminhandel)