Die Golfregion für fast die Hälfte des weltweiten Schwefelhandels verantwortlich. Foto: SIAATH - stock.adobe.com

| Markus Wolf

Systemschock für die Agrarmärkte

Steigende Kosten für Düngemittel und Kraftstoff sind weltweit zu spüren. Hält der Konflikt noch mehrere Monate an, rechnet die FAO mit einem global sinkenden Düngereinsatz und dem Wechsel auf weniger inputintensive Kulturen.

Der Chefökonom der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), Máximo Torero, warnt, dass die anhaltende Blockade der Straße von Hormus einen der schwersten Schocks für die globalen Warenströme der vergangenen Jahre auslöst – mit erheblichen Auswirkungen auf Ernährungssicherheit, landwirtschaftliche Produktion und die Weltmärkte. Bei einem täglichen Pressebriefing der Vereinten Nationen (UN) hob Torero hervor, dass der Tankerverkehr durch die lebenswichtige Handelsader innerhalb weniger Tage nach der Eskalation um mehr als 90 Prozent eingebrochen sei. 

“Das ist nicht nur ein Energieschock. Es ist ein systemischer Schock, der die Agrar- und Ernährungssysteme weltweit betrifft”, so Torero. Er betonte, dass die Golfregion für fast die Hälfte des weltweiten Schwefelhandels verantwortlich ist – ein wichtiger Rohstoff zur Herstellung von Schwefelsäure, die benötigt wird, um Phosphatgestein für Dünger zu verarbeiten. Störungen in der Schwefelversorgung könnten die globale Produktion von Phosphatdüngern beeinträchtigen.

Steigende Inputkosten und Risiken im Agrarsektor

Der Chefökonom stellte fest, dass sich die Störungen bereits in höheren Kosten für Landwirte weltweit niederschlagen. Die Düngemittelpreise seien sprunghaft angestiegen: Granulat-Harnstoff aus dem Nahen Osten habe sich in der ersten Märzwoche um 19 Prozent verteuert, der ägyptische Harnstoffpreis um 28 Prozent. Da Erdgas der wichtigste Rohstoff für Stickstoffdünger ist, dürften erhöhte Energiepreise den Aufwärtsdruck auf Düngemittelkosten verstärken, so Torero. Die FAO schätzt, dass die globalen Düngemittelpreise im ersten Halbjahr 2026 durchschnittlich 15 bis 20 Prozent höher liegen, falls die Krise anhält. Landwirte treffe ein doppelter Kostenschock: “Zu teuren Düngemitteln kommen noch steigende Treibstoffpreise, die die gesamte landwirtschaftliche Wertschöpfungskette betreffen – einschließlich Bewässerung und Transport.” Viele Produzenten dürften deshalb die Düngerausbringung reduzieren oder auf weniger inputintensive Kulturen umsteigen, fügte er hinzu.

Die Situation in der Schifffahrt werde durch stark steigende Versicherungskosten verschärft. Nach der Ausweitung der Hochrisikozonen Anfang März seien die Kriegsrisikoprämien von 0,25 Prozent auf bis zu 10 Prozent des Schiffswertes gestiegen, wobei die Versicherungsdeckung nun alle sieben Tage neu festgesetzt werde. Selbst im Falle einer Deeskalation könnte die Wiederherstellung normaler Schifffahrtsbedingungen laut Torero Monate in Anspruch nehmen

Dauer der Störung wird entscheidend sein

Während des Briefings betonte Torero, dass im Falle einer kurzfristigen Störung von bis zu einem Monat die Auswirkungen begrenzt bleiben dürften. Die globalen Nahrungsmittelvorräte seien derzeit ausreichend, und die Märkte könnten sich innerhalb von etwa drei Monaten stabilisieren. Der FAO-Nahrungsmittelpreisindex liege weiterhin rund 21 Prozent unter seinem Höchststand vom März 2022.

Falls die Störung jedoch drei Monate oder länger anhalte, nähmen die Risiken erheblich zu – mit Folgen für die weltweiten Anbauentscheidungen für 2026 und darüber hinaus. Bei einem mittelfristigen Störungsszenario erwartet die FAO geringere Erträge bei düngerintensiven Kulturen wie Weizen, Reis und Mais, eine Verlagerung hin zu stickstofffixierenden Pflanzen wie Sojabohnen sowie zunehmende Konkurrenz durch die Biokraftstoffproduktion, da höhere Ölpreise die Nachfrage nach Agrarrohstoffen ankurbeln.